Wort zum Sonntag: Das Web und die Bürokratie

Das Internet und die Bürokratie. Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit dient hier als Titelfoto. Foto: Pixel2013, Lizenz: CC0 1.0
Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit. Foto: Pixel2013, Lizenz: CC0 1.0

Bürokratie wohin man schaut

Wenn ich mir die Entwicklung zum Verbraucher- und Datenschutz im Internet so betrachte, dann wird es mittelfristig darauf hinauslaufen, daß auf Webseiten mehr Pflichtinformationen und Erklärungen stehen müssen, als eigentlicher Inhalt. Dazu kommen ordnerweise schriftliche ADV-Verträge mit Hostern, Facebook, Google und so weiter. Gesetze und Verordnungen, die es mal auf Bundes- und mal auf EU-Ebene gibt – mir fallen da spontan wenigstens Fünf ein – sind unklar und schwammig formuliert. Haben Sie schonmal eine EU Verordnung gelesen? Wenn ich so meine AGB verfassen würde, die wären null, nichtig und mit sicherheit abmahnfähig.

Es reicht jedoch nicht, Gesetze zu kennen und zu befolgen, man muss auch noch die Interpretationen in den Urteilen der Gerichte kennen! Dabei müssen unscharf formulierte Gesetze nicht sein. Die Gesetzgebung hat sehr wohl möglichkeiten Gesetze so zu verfassen, dass Sie relativ einfach den aktuellen Gegebenheiten angepasst werden können.

Gesetzgeber überlassen es den Richtern…

In Artikel 20 des Grundgesetzes ist eine Gewaltenteilung vorgesehen. Aber die gesetzgebende Legislative, an der ich mich eigentlich orientieren könnte, überlässt die Gesetzgebung im Detail dann doch der Judikative: Die Auslegung schwammig formulierter Gesetze wird dem mehr oder minder vorhandenen Fachwissen einzelner Personen, nämlich den Richtern, überlassen!

Besonders das Landgericht Köln tut sich da mit Fehlentscheidungen hervor. Wenn Zurückrudern mal olympisch wird, dann werden die Kölner gute Chancen auf eine Goldmedaille haben. Als Beispiel sei das sogenannte RedTube-Verfahren genannt (24.01.2014, Az. 209 O 188/13, das den Beschluss der Kammer vom 19.09.2013 wegen Rechtsverletzung im ersten Urteil kassiert,) sowie das Pixelio-Urteil (30.01.2014, Az. 14 O 427/13, bestätigt vom OLG Köln).

…aber Internet und Recht ist Neuland für viele Richter

Aber auch andere Gerichte beweisen regelmäßig, dass Einzelpersonen oder Minigremien bei den Gerichten nicht dazu geeignet sind, die Arbeit der Legislative zu übernehmen. Mehr als die Hälfte aller Gesetze werden im fachlich zuständigen Ministerium auf Referatsebene erarbeitet und vom Justizministerium überprüft, bevor das Kabinett darüber abstimmt und den Entwurf dem Bundestag zu den Lesungen weiterleitet.

Absoluter Irrsinn und bisheriger Höhepunkt war die Informationspflicht nach der ODR-Verordnung (EU), die seit dem 9. Januar 2016 gilt. Die OS-Plattform, über die gemäß ODR-Verordnung informiert werden muss, war überhaupt noch nicht in Betrieb. Erst für den 15. Februar 2016 war die Inbetriebnahme vorgesehen. Die Mehrheit Webseitenbetreiber verstoßen nicht absichtlich gegen Gesetze und Vorschriften, Sie sind meist unwissend oder einfach überfordert! Wo soll der Wahnsinn dieser Bürokratie noch hinführen? Nichts gegen Impressumspflichten und den Datenschutz, ich bin fachkundiger Datenschutzbeauftragter und kämpfe auch dafür! Aber, kann man das nicht besser lösen?

Privacy Bots sollen Nutzer schützen

Die Deutsche Telekom AG arbeitet seit Anfang 2017 an einem Privacy Bot (https://www.telekom.com/de/medien/medieninformationen/detail/telekom-startet-wettbewerb-zu-privacy-bots-481806). Der Privacy-Bot soll die Datenschutzhinweise von Internetdiensten scannen und mit den Voreinstellungen des Nutzers abgleichen. Bestehende Wahlmöglichkeiten bei den Datenschutzeinstellungen sollen so leichter im Sinne des Verbrauchers genutzt werden. Der Bot soll sich dabei nicht nur an einzelne Anbieter wie Facebook, Amazon oder Reiseportale richten, sondern für sämtliche Dienste nutzbar sein. Für viele Webseiten und Webshops ohne ordentliche oder verbraucherunfreundliche Datenschutzerklärung brechen dann schlechte Zeiten an, denn der Verbraucher kann bei der Suche mit aktivierten Privacy Bot solche Seiten gezielt ausblenden.

Aber es gibt im Netz doch Generatoren für sowas! Ja, sicher… nur, was nutzen „anwaltlich geprüfte“ Impressum- oder Datenschutzerklärungsgeneratoren – für die übrigens kaum einer der Anwälte haften will – wenn kein Nutzer versteht was darin steht? Jeder der Generatoren formuliert andere Textbausteine, Webseitenbetreiber ergänzen oder streichen nach individuellem rechtsempfinden. Außerdem fehlen gerade bei den Datenschutzerklärungen etliche Angaben zu den Daten, die in den Logfiles des Hosters gespeichert werden. Nachtigall ick hör dir trapsen… denn nur die wenigesten Hoster arbeiten komplett ohne Logfiles.

Kein Meckern ohne Vorschläge!

Ein konkreter Vorschlag, der zumindest einen Teil der Probleme lösen könnte, aber trotzdem nur Flickschusterei an einer ungenauen und unübersichtlicher Gesetzgebung ist: Es sollte von der EU oder vom Bund, als den Verursachern dieses Chaos, einen rechtsverbindlichen Impressum- und Datenschutzgenerator geben. Der sollte eine einheitliche Seite generieren, die vom Verbraucher als auch von einem Privacy Bot leicht ausgewertet werden kann. Das hab ich übrigens auch der Telekom schon vorgeschlagen. Dessen Funktion könnte der Browser übernehmen. Für den Webseitenbetreiber sollte eine Checkliste generiert werden, die klar sagt welche Gesetze relevant sind, welche Verträge abzuschließen sind und welche Maßnahmen nach dem IT-Sicherheitsgesetz zu ergreifen sind.

Willkommen bei Kafka 2.0

Dann kann auch gleich der tägliche Sicherheitsscan für Webseiten durch die Initiative-S eingerichtet werden. Dieses Projekt vom ECO-Verband, gefördert durch das BMWi, scannt Webseiten täglich auf Schadsoftware und informiert den Betreiber bei verdächtigen Vorkommnissen. Damit dürfte auch eine der Pflichten aus dem IT-Sicherheitsgesetz abgedeckt sein. Möglicherweise, denn genau formuliert sind die meines Wissens nicht. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), hauptverantwortlich für die Umsetzung dieses Gesetzes, verweist auf Anfrage zurück ans Innenministerium.

Letztlich bin ich dann doch fündig geworden. Bei den BSI-Veröffentlichungen zur Cyber-Sicherheit findet sich ein Maßnahmenkatalog mit Empfehlungen für Internet-Dienstleister zur „Absicherung von Telemediendiensten nach Stand der Technik“ (https://www.allianz-fuer-cybersicherheit.de/ACS/DE/_/downloads/BSI-CS_125.pdf)

#Bürokratie
#Bundesdatenschutzgesetz (D)
#Datenschutz-Grundverordnung (EU)
#ODR-Verordnung (EU)
#Verbraucherstreitbeilegungsgesetz (D)
#ADR-Verordnung (EU)
#Telemediengesetz (D)
#Rundfunkstaatsvertrag (D)
#IT-Sicherheitsgesetz (D)

Creative Commons Lizenzvertrag
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Zwölf Maßnahmen zur Absicherung gegen Angriffe aus dem Internet

Die Sicherheit (nicht nur) Ihrer Unternehmens-Webseite fängt bei der Sicherheit Ihres Rechners an.

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat eine Liste mit „Zwölf Maßnahmen zur Absicherung gegen Angriffe aus dem Internet“ veröffentlicht: https://www.bsi-fuer-buerger.de/BSIFB/DE/Service/Checklisten/Massnahmen_gegen_Internetangriffe.html

Zwölf Maßnahmen zur Absicherung gegen Angriffe aus dem Internet. Quelle: BSI
Zwölf Maßnahmen zur Absicherung gegen Angriffe aus dem Internet. Quelle: BSI

Alle Maßnahmen sind in der Regel auch für Laien einfach umzusetzen, so das BSI. Wenn Sie sich dies dennoch nicht zutrauen, dann sollten Sie einen Internet-Profi oder den Hersteller Ihres IT-Systems zur Rate ziehen, der Sie dabei unterstützen kann. Hilfestellung bietet auch das Service-Center des BSI, unter der kostenlosen Rufnummer 0800 2741000, Mo-Fr von 8 bis 18 Uhr.

Von mir noch der Tipp, auch wenn es unbequem ist: Deaktivieren Sie das Kästchen „Eingeloggt bleiben“, da wo vorhanden, und loggen Sie sich aus, nachdem Sie Ihre Arbeit auf oder an einer Webseite erledigt haben! Oft werden diese „offene Sitzungen“ als Einfallstor von Hackern und Schadprogrammen genutzt.